Rovio:
Geschichte
VORWORT:
Nicht ein Buch wollte ich schreiben zur freundlichen Beachtung für die Jugend von Rovio oder für alle diejenigen, die das Schöne und Kultivierte lieben und Gelegenheit haben, unser kleines Dorf zu besuchen. Meine Absicht ist nur, eine kurze und einfache Sammlung geschichtlicher und kunst-geschichlicher Notizen zu geben, um Rovio's grosse Vergangenheit besser bekannt zu machen und vor dem Vergessen zu bewahren. Diese Notizen sind den Archiven entnommen und stützen sich auf wertwolle Hinweise und Studien von Vorgängern, die sich dem gleichen Thema widmeten; unter diesen nenne ich als Ersten den verstorbenen Herrn Emilio Mazzetti aus Rovio, der mit soviet Sorgfalt und Geduld dasjenige gesammelt hat, was wir heute über die Geschichte und den rum Rovio's und der Roviesen auszusagen vermögen.
Das Ueberlieferte hier
aufgezeichnet zu haben, soll mein beschidener Beitrag sein, den ich allen
Freunden Rovio's anbiete im 43. Jahr meines Dienstes als Sekretär der Gemeinde.
DIE GEMEINDE ROVIO IN GESCHICHTE UND KUNST
Der Name
(Von Lateinischen Rovi, Rovetum, Rubus)
Nach der Meinung der Sprachforscher kommt der Name Rovio von dem Wort
Dornbusch(roveto) oder Brombeerstrauch (rovo); noch heute sind die Südhänge,
bis dicht an Rovio hinan, mit diesn Sträuchern wildwachsend bedeckt.
Lage, Klima und Bevölkerung
In 500m Höhe, mit bester
Sonnenlage, geschützt vor Nordwind durch den Hähenzug Sankt Agata, schmiegt
sich Rovio and die Falten des Monte Generoso. Das Klima ist durchweg mild und
gemässigt.
Ein herllicher Rundblick über einen Teil des Luganersees, in Richtung Capolago,
wird vervollständigt durch Fernsichten, die man fast überall von Rovio über
die Alpenkette hat.
Die Bevölkerung ist auf
durchschnittlich 350 Bewohner zurückgegangen im Zuge der Abwanderung.
GESCHICHTE
Die Ursprünge Rovio's reichen weit ins Altertum. Dies beweist eine römische Schriffttafel, eingebetten in die Mauer eines Hauses (Conza, Erbe des Vitale), mit der einer der damaligen Roviesen sien Gelübte and Jupiter einlöste. Auf dem gemeisselten Stein lesen wir:
I(ovi) O (optime) M (aximo)
V(otum) S(olvit) L (iber) M(eritus)
Crescnsocellionis cum suis.
Nach der Uebersetzung von Herrn Professor T.Poma und Anderei heisst dies:
"Jupiter, dem Besten und Allmächtigen, Löst sein Gelübde der Freie und Herr Crescens, Sohn des Ocelione, mit den Seinen."
Nach Meinung von Archäologen geht diese Schrifttafel noch auf die Zeit von dem Römischen Kaiserreich zurück, also auf einige Jahrhunderte von Christ.
Bei dem Erdaushub anlässlich der Arbeiten an der Strasse nach Arogno, kamen, nördlich der Gegend, die Sevlvone gennant wird. im Jahre 1865 verschiedene Gräber aus der Bronzezit zu Tage. Die Gegenstände, die in diesen Grabstätten gefunden wurden, sind Heute im Stadtmuseum von Lugano zu sehen; sie bestätigen, dass schon in so ferne Vergangenheit Wohlhabende an jenem Ort gewohnt haben.
Es folgen dann in der Zeit römische Ueberreste, sechs Särge, aus dem vollen Granit gehaeuen, davon zwei mit Deckeln.
Heute dienen diese Särge als öffentliche Brunnen. Diesel Fund beweist, dass in Rovio zur Römerzeit Leute gewohnt haben, die genügend Mittel hatten, um sich solche, auch damals wertvollen Särge zu erlauben.
Das Christentum erscheint offiziel erst um 1213, als der Bischof von Caomo, Giacomo della Torre, die Kirchgemeinde Rovio begründet, die offenbar vorher zur Pfarrkirche von Sankt Vitale gehörte. Damals wurde auf dem Hügel Sankt Vigilio, gegen Westen von Rovio, eine Kurche gebaut im Stile jener Zeit, deren guterhaltene Fresken man noch heute bewundern kann. Aus jener Epoche stammt auch der älteste Teil des Kirchleins auf der Höhe, die nach Sankt Agata genannt ist, Schutzherrin des Kirchenspiels.
Erst im Mittelalter wurde die
Kaserne oder Burg von Dorano gebaut auf einem nörrdlichen Vorgebirge,
geschützt und begrenzt auf zwei Seiten durch die Bergströme Valbisca und
Valmara, ungefähr 1 km entfernt vom Ort.
Hier war offenbar eine Wachttruppe angesetzt zum Schutz der Strasse, die von See
ansteigt gegen das Tal von Intelvi. In diesel Gebäuden, die zum Teil noch zu
sehen sind, war eine Kapelle dem Heiligen Jakob und Philipp geweiht mit schönen
Frescken und Stuckarbeiten; gegen Ende 1600 wurde sie aufgegeben, weil sie
infolge einer Erdbewegung einzustürzen drohte. Heute steht nur noch die Absis.
Auf diesel Kastell von Dorano
ruhte ein Schutzherrn-Recht (jus patronato)
Der Familie Torrinai von Mendrisio, das heute übergegangen ist auf die
Kirchgemeinde von Rovio.
KUNST
Wertvolle Altertümer, die sich in Rovio finden, deuten auf einen ausgesprochenen Sinn für die schönen Künste, der vielleicht durch die natürliche Schönheit des Ortes ständig entwickelt wurde.
Dies zeigen nicht nur die in ihrer Enfachheit eindrucksvollen Linien der Römersärge. Auch die Anlage der Piazza und überhaupt die allgemeine Anordung der Ortschaft, die wesentliche Schönheit der Natur wahrt, beweist guten kritischen Sinn und eine gewisse künstlerische Begabung. Man muss einmal beachten, wie diese Piazza als erster Auftakt vor dem Betreten des alten Rovio uns empfängt, um den Sinn für Harmonie zu erkennen, mit dem alles den natürlichen Linien der Landschaftt angepasst worden ist.
Schon in jenen alten Zeiten, als die Zufahrtswege gebaut wurden, hat man beispielsweise Felsenspitzen geschont, die noch heute wie ein Dekor, aus dem Boden der Piazza aufragen und ihr gleichsam als Kulisse dienen.
Der heutige Kirchturm, errichtet
von 1772 bis 1776 nach Entwurf des Architekten Cantoni aus Muggio, ist ein
schönes Werk, das der einmütigen Unterstützung der ganzen Bevölkerung von
Rovio zu danken ist, wie aus Protokollen hervorgeht, die im Archiv des
Bürgermeisteramtes bewahrt werden. Die Pfarrkirche selbst dariert von ungefähr
1600. Drei Altäre geben ihr den künstlerischen Akzent; der eine ist der
Madonna del Carmelo geweiht, der ander dem Heiligen Kruzifix. Wie das Wappen
hoch über der Mitte des Bogens bestätigt, ist diesel zweite Altar eine
Stiftung der Famiglie Conza. Der dritte ist der Hauptaltar, ein wahres
marmorenes Kunstwerk mit wertvollster Einlegearbeit; sein Mittelstück, ein
Tiefrelief zeigt das Martyrium der Heiligen Agate. Nicht nur das kostbare
Material, sondern vor allem
Die Bearbeitung ist einzigartig; diesel Hauptaltar ist eine Stiftung der Rovieser Familie Mann, die in Albino nahe Bergamo ein Marmorwerk besass. Im Stil erinnert dieser Altar an die grossartigen Intarsienarbeiten, die man in Bergamo bewundern kann in der Kirche Santa Maria Maggiore und in der Oberstadt in der Kapelle der Colleoni. Im Pfarrarchiv von Rovio finden sich noch die Abrechnungsbelege über die Erbauung dieses Hauptaltars in der Höhe von 30.000 Lire datiert 1630.
Wir übergehen hier andere Kunstwerke und erwähnen nur einen Thron in vergoldetem Holz, im Stil der Barockzeit, ein ebenfalls durch seine Bearbeitung bemerkenswertes Werk. Auf diesem Thron wird in der zweiten Hälfte des Februars die Statue selbst ist ein Werk des Bildhauers Giuseppe Conza aus Rovio, ausgeführt im Jahre 1896.
Die der Kirche seitlich vorgelagerte dreiteilige, stuckgeschmückte Säulenhalle diente mit ihren drei unterirdischen Räumen von 1749 an zur Bestatung der Toten, bis im Jahre 1837 der heutige Kirchhof eingerichtet wurde.
Ein weiteres Juwel christlicher Kunst ist die der Madonna Assunta geweihte Kirche, die sich ungefähr 400m von der Piazza, an der Strasse von Rovio nach Arogno befindet; sie ist geschmückt mit schönen Fresken, Stückwerk und verschiedenen Bildwerken, ausgeführt von rovesischen Künstlern in den Jahren von 1648 bis 1699. Der Altar dort ist eine Arbeit von Andrea Manni aus Rovio und stammt von 1709. Die mittlere Freske über dem Altar gehörte früher zu einer offenen Cappelle an diesem Ort; sie ist also viel älter und geht nach Meinung von Sachkennern auf das Jahr 1400 zurück.
An Patrizierhäuser einiger Familien aus Rovio (Carloni, Mazzetti, Bagutti, und anderei) sehen wir architektonischen Schmuck, der vom Kunstsinn diesel Familien zeigt.
Im vergangenen Jahrhundert wurde die Anlage der Piazza vollendet; in deren Mitte stand ursprünglich der Brunnen oder das Waschhaus, die heute zugedeckt sind vom Pflaster. Im Jahre 1864 wurde der schöne Palazzo Bagutti an der Piazza gebaut. Es wird überliefert, dass um die Baufluchtlinie der Hauptfacade Meinungsverschiedenheiten entstan zwischen dem Bauherrn (Bagutti) und dem damaligen Bürgermeister ( Dr. Giuseppe Bagutti). Ersterer wollte dort bauen, wo die Piazza aufhört, der Bürgermeister dagegen wünschte den Bau einige Meter zurückverlegt zu sehen. Man weiss nicht genau, wie es ausging, aber im Kapitell rechts an der Aussenwand im ersten Stock sieht man das Gesicht des Bürgermeisters, der die Zunge ausstreckt; dieser Spott stammi sicherlich vom Erbauer des Hauses, der geschickter Stuckkünstler war.
Auf der Westseite der Piazza, ungefähr in der Mitte, ragt eine Felsspitze auf, die durch eine kleine Kapelle gekrönt ist mit hübschen alten Fresken und einer der Madonna geweihten Statue; darunter der Spruch: "Wanderer, halt ein in Gedenken an Maria und Du wirst Gnade finden".
Im Gemeindearchiv werden drei Sammlungen interessanter Architekturzeichnungen und -skizzen bewahrt, die gesammelt wurden von dem verstorbenen Herrn Emilio Mazzetti und aus den Häusern rovesischer Künstler- Familien stammen, deren Mitglieder ins Ausland abgewandert sind.
Das Gemeindearchiv beginnt mit dem Jahre 1754, das Archiv der Pfarrkirche datiert 1615.
Familien und Persöndlichkeiten in Rovio
Die schreckliche Pest, die einst in der Lombardei wütete, hat auch die Bevölkerung Rovios nicht verschont. Hinterher legte man Feuer an die Häuser, viellecht in der Absicht, diese zu desinfizieren; Rovio ging in Flammen unter. Noch heute trifft man, bei Herstellungsarbeiten oder Umbauten der ältesten Häuser im Ort, regelmässig auf Spuren dieser grossen Feuersbrunst.
Gegen das Jahr 1500 wanderten die Patrizienfamilien der Carloni, Mazzetti, Bagutti , Conza und andere ein, die aus dem Tal von Intelai, aus dem Maggiatal uns aus Italien kamen. Diesel Zuzug brache zahlenmässig die Bevölkerung wieder auf den frühen Stand und gab Rovio in der Folgezeit eine Reihe hervorragender Persöndlichkeiten. Nennen wir nur einige der Bedeutensten:
Von der Familie Carloni der grosse Taddeo, der in der Kirche der Annunciata in Genua ruht; seine Schüler setzten suf sein Grab die folgende Inschrift:" Nil terrae sisi corpus" ( Nur deinen Körper nimmt die Erde").
Aus der gleichen Familie Carloni nennen wir jenen Giovan Battista Carloni, der im Jahre 1614 die Altarsflügel der Familienkappelle Carloni ausführte in der Pfarrkirche. Das Selbstbildnis dieses ungewöhnlichen Könners wird im Gemeindesaal von Rovio bewahrt und von Kunstkennern bewundert.
Von den Mazzetti zeichneten sich viele als Bildhauer und Stuckkünstler aus, so auch von den Bagutti. Letztere Familie zählt den Abbé Giuseppe Bagutti zu ihren Mitgliedern, der als Erster Schulen gründete für die Taubstummen. Ebenfalls zur gennanten Familie gehört jeder Stuckkünstler Domenico Bagutti, der gegen 1700 die kleine Kappelle an der Strasse nach Arogno errichtete und sie mit vorzüglichen Tiefenreliefs schmückte; auch im Einfagn seines Wohnhauses in Rovio sind Arbeiten von ihm erhalten.
In letzten Zeiten hat die verstorbene Frau Ma Luigi Carloni- Groppi, in ihrer unvergleichlichen Art, das Leben in Rovio geschildert mit ihren Büchern " Heiterer Morgen", " Im April des Lebens" und " Kleine Welt".
Berühmte Gäste
In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts flüchtete nach Rovio der Advokat Carlo Mazza, ausgezeichneter Jurist und glühender Anhänger eines vereinten Italiens. Er wurde Ehrenbürger des Tessins.
Anfang dieses Jahrhunderts besuchte Rovio der deutsche Schriftsteller Gerhard Hauptmann, der hier seinen Roman "Ketzer von Soana" schrieb.
Auch Antonio Fogazzaro vollendete
verschiedene seiner Werke in Rovio.
Deutsche Übersetzung und
Umschlagzeichnung : K.H. Nolte